Solidariwas – Internationale Solidarität heute

„Hoch die internationale Solidarität!“
„Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker!“

Die Solidarität – und vor allem die internationale Solidarität – wird oft herangezogen und ist in aller linker Munde. Sie würde wahrscheinlich auch als Stichwort von (beinahe) allen uneingeschränkt unterschrieben werden.

Doch was steckt dahinter? Was heißt es mit international stattfindenden Kämpfen solidarisch zu sein, wie kann und soll Internationale Solidarität heute aussehen und was hat das ganze mit den Kämpfen hier vor Ort zu tun? Oder besser gesagt: wie sind die Verbindungslinien zwischen lokalen und internationalen Kämpfen?

Diese und weitere Fragen greifen wir beim internationalistischen Abend im November mit Hilfe von Wandtafeln und Filmen auf und möchten Impulse für spannende Diskussionen bei Getränken, gutem Essen und guter Musik liefern.

Datum: 08. November 2019



Solidari-Was?

Die kapitalistische Gesellschaft basiert auf Ausbeutung und Unterdrückung des Großteils der Weltbevölkerung. Um seinem Zwang nach Profitmaximierung nachzukommern ist der Kapitalismus darauf angewiesen Menschen, die in einem Lohnverhältnis stehen, den Mehrwert ihrer Arbeit abzupressen. Daraus ergibt sich eine Systematik, welche uns untereinander in permanente Konkurrenz setzt und unsere ureigenen Interessen und Bedürfnisse dem Streben nach kapitalistischen Wachstum und Profitmaximierung unterordnet. Diese Systematik umfasst dabei die gesamte Welt. Niedrige Löhne bzw. ein niedriger Lebensstandard gelten in dieser Logik als „gute“ Produktionsbedingungen. Der Kampf um Märkte und Ressourcen stürzt ganze Regionen in Kriege, führt zu Tausenden von Toten und zur Zerstörung von Infrastruktur und Umwelt.

Diesem Gesellschaftsentwurf möchten wir die Perpektive einer gerechteren, einer solidarischen Gesellschaft entgegensetzen.

Mit diesem internationalistischen Abend nähern wir uns anhand praktischer Beispiele dem Begriff der Solidarität bzw. der internationalen Solidarität und möchten einen Einblick in die Vielfalt dieser geben.

Solidarität als Prozess

Unter Solidarität verstehen wir das verbundene und unterstützende Einstehen für gemeinsame Ideen.

Dementsprechend begreifen wir solidarisches Handeln bzw. solidarische Organisierungsformen als einen Prozess, der es dem Großteil der Bevölkerung ermöglicht seine Interessen zu artikulieren, auszudrücken und diese auch durchsetzbar werden zu lassen. Dieser Zusammenschluss von Menschen beispielsweise aus Stadtteil, Betrieb und Schule kann nur in einem kollektiven Rahmen stattfinden, der das herrschende Konkurenzverhältnis unter den Lohnabhängigen durchbricht und sich klar von den Scheinlösungen der Rechten abgrenzt. Im Konkreten geht es darum dort wo die Menschen leben und arbeiten Räume zu schaffen, die diese Prozesse eröffnen und beschleunigen. Dementsprechend begreifen wir Solidarität als einen Prozess, in welchem unsere praktischen Handlungen den herrschenden Verhältnissen eine kollektive Lösung entgegensetzt bzw. diese durchbricht. In Zeiten des hochglobalisierten, vernetzten und technisierten Kapitalismus ist die Internationale Solidarität Notwendig wie eh und je.

Hoch die Internationale Solidarität

Im Mittelpunkt steht dabei Lokal wie International der delbe Gedanke:

  • Den Kampf gegen Ausbeutung und Unterdrückung selbstbestimmt und von Unten zu führen.
  • Das Gemeinsame der weltweit stattfindenden Kämpfe hervorzuheben und dadurch die Vereinzelung der Kämpfe zu Durchbrechen.

So trägt beispielsweise eine Demonstration in Solidarität mit anderen Kämpfen die gemeinsamen Inhalte in die Öffentlichkeit und kann vor Ort das Bewusstsein über die Gemeinsamkeiten der Kämpfe stärken. Dies eröffnet einen Prozess in welchem inner(linke) Widersprüche in den Hintergrund treten können und die Perspektive einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung eröffnet.

Die internationale Solidarität kann dabei viele praktische Formen annehmen. Sei dies durch die Organisierung von Demonstrationen, um vor Ort Druck auf Verantwortliche auszuüben oder die Organisation von Spenden, Medizin oder ähnlichem.


Solidarisch sein … mit Seife?

Praktische Solidarität mit Griechenland anhand von Vio.me

2010, Griechenland: Die neoliberale Logik trifft Griechenland mit voller Härte und es kommt zur Krise, die sich bereits im Jahrzehnt davor mehr als nur angedeutet hatte. Die Folgen sind – gelinde gesagt – fatal: Arbeitslosigkeit, Armut, fehlende medizinische Versorgung, geringere Löhne, schlechtere Arbeitsbedingungen, Entlassungen und Fabrikschließungen werden zum Alltag in Griechenland.

Viele GriechInnen gehen dagegen auf die Straße, protestieren und leisten Widerstand gegen die desaströse Politik von Innen und Außen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf der internationalen Austeritätspolitik der EU (v.a. durch Deutschland) und des IWF, die das Ausbluten Griechenlands nur noch weiter vorantreiben.

Das Projekt Vio.Me

Neben den Straßenprotesten fassten ArbeiterInnen in Thessaloniki den Entschluss gegen ihre Fabrikschließung vorzugehen und besetzten die Fabrik Vio.Me, um die Demontage der Produktionsanlagen zu verhindern und die Zahlung der ausstehenden Löhne zu erzwingen. Knapp 2 Jahre später nahmen sie die Arbeit wieder auf, dieses mal aber unter ganz anderen Bedingungen: Sie verwalteten die Fabrik und damit auch die Produktion selbst.

Seit April 2013 produziert Vio.Me ökologische Wasch- und Reinigungsmittel, die zunächst nur „unter der Hand“ an solidarische Kooperativen und sozialen Zentren verkauft werden kann. Mit der Gründung der Vio.Me Sozialkooperative 2016 durften die Produkte dann auch legal an solidarische Gruppen und Organisationen ins europäische Ausland geliefert.

Vio.Me – Ein eindrucksvolles (praktisches) Beispiel

Die Fabrik ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass kapitalistische Krisen außer Armut, Leid und Verzweiflung auch die Emanzipation der von der Krise betroffenen ArbeiterInnen beinhalten kann. Aber es ist auch ein eindrucksvolles Beispiel der Solidarität: Europaweit wurden und werden Produkte der Vio.Me gekauft und weiterverkauft, um das Projekt der ArbeiterInnen in Thessaloniki zu unterstützen und den Fortbestand der Fabrik zu sichern.

Der Verkauf geht dabei weit über den Handverkauf in sozialen und linken Zentren hinaus und ist ein ganz praktisches Beispiel internationaler Solidarität – über Protest, Widerstand und Spenden hinaus – was von jedem und jeder Einzelnen geleistet werden kann.

Doch neben der individuellen Solidarität mit dem Projekt hat auch die kollektive Solidarität in Form von Unterstützungskundgebungen, Resolutionen und Spendensammlungen eine enorme Bedeutung für den Fortbestand der Fabrik, was die ArbeiterInnen vor Ort deutlich machen: „Die Zukunft der Fabrik in Selbstverwaltung hängt vor allem von der Stärke der Solidaritätsbewegungen in Griechenland und Europa ab.“


Drohende Zwangsversteigerung vio.me

Seit Jahren kämpft Vio.Me gegen die Zwangsversteigerung der Fabrik an. In den letzten Jahren konnte diese durch den Widerstand der ArbeiterInnen, durch Blockaden, Kundgebungen und internationaler Solidarität, verhindert werden.

Aktuell steht ein weiteres Verfahren an. Das Projekt steht bei einer Versteigerung faktisch vor dem Aus.


Kampf gegen die Austeritätspolitik in Deutschland

Internationale Solidarität reicht jedoch über die Unterstützung der Kämpfe, Proteste und Fabriken vor Ort hinaus. Internationale Solidarität bedeutet auch die Verantwortlichen zu benennen und anzugreifen. Im Fall von Griechenland wurde dies auf vielfältige Art und Weise gemacht: Zahlreiche Proteste gegen das Wirken der Europäischen Zentralbank, den IWF und die EU Politik u.a. bei den Blockupy Protesten sind ein wichtiger Bestandteil internationaler Solidarität.

Internationale Solidarität bedeutet eben auch vor der eigenen Haustüre zu kehren und den Widerstand und die Proteste ins eigene Land – und in diesem Fall ins Herzen der Bestie – zu tragen, um die Position der griechischen ArbeiterInnen und den Widerstand in Griechenland zu stärken, aber auch um die Verantwortlichen der Austeritätspolitik anzugreifen und im besten Fall zu schwächen.

Klassenkampf mit Seife – Film


Beispiel Rojava

Rojava ist als selbsverwaltete Region im Norden Syriens zu einem positiven Bezugspunkt für freiheitsliebende Menschen weltweit geworden und das in einer Region, die von reaktionären und repressiven Regimes dominiert wird. In Rojava steht nicht der Profit im Mittelpunkt, sondern die Bedürfnisse der Menschen.

Durch kommunale Rätestrukturen werden alle Ethnien und Völker in die Gestaltung der Gesellschaft mit einbezogen. Es ist der Kampf für Freiheit inmitten von Unfreiheit und bedeutet für die Völker in der Region einen bedeutenden Fortschritt. Rojava ist damit das Beispiel für einen fortschrittlichen und solidarischen Gesellschaftsentwurf unserer Zeit, nicht nur im Mittleren und Nahen Osten, sondern weltweit.

Aktuelle Situation

Seit dem 9. Oktober wird Rojava zum wiederholten Mal von der Türkei angegriffen. Das ist nicht nur ein Angriff gegen die Bevölkerung vor Ort, sondern ein Angriff auf das fortschrittliche und solidarische Gesellschaftsprojekt Rojava an sich und damit auch ein Angriff auf den Kampf um Freiheit und Befreiung.

Deshalb ist es auch ein Angriff auf uns alle die für eine Welt ohne Ausbeutung und Unterdrückung kämpfen.

Im Kampf für und um Rojava haben sich viele verschiedene Formen der Solidarität gezeigt, die eine breite Spannweite haben, hier einige Beispiele:

Mit der Waffe in der Hand … Internationales Freiheits Bataillon

In Rojava hat sich im Kampf gegen den IS und andere faschistische Gruppen ein Antifaschistisches Internationales Bataillon gegründet.

Gegründet wurde das IFB von Freiwilligen, AnarchistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen, AntifaschistInnen, InternationalistInnen und Libertären aus der ganzen Welt, aus Solidarität in das Battaillon eingetreten sind und Seite an Seite mit KurdInnen und den Völkern der Region gegen den IS gekämpft haben und weiterhin kämpfen.

über Baumaterialien … – Aufbau des Gesundheitszentrums in Kobane

Unter schwierigen Bedingungen wurde von Juni 2015 bis November 2015 in Kobane ein Gesundheitszentrum gebaut. Beteiligt waren insgesamt 177 ehrenamtliche BrigadistInnen aus 10 verschiedenen Ländern zusammen mit einheimischen BauarbeiterInnen.

Inzwischen wurde das Gesundheitszentrum als Geburtenstation eingerichtet. Über 4.000 Kinder wurden seither dort schon zur Welt gebracht.

und dem Spaten … – Make Rojava Green Again

Die Kampagne Rojava Green Again wurde von der internationalistischen Kommune begonnen und findet auf Augenhöhe mit den Menschen vor Ort statt. Die Kommune arbeitet eng mit den Ökologiekomitees des Rätesystems zusammen.

Ziel ist der Aufbau einer demokratischen und sozialistischen Ökonomie, die durch einen von der Basis mitgestaltet wird.

Die Internationalistische Kommune ist ein Projekt von InternationalistInnen aus der ganzen Welt, die sich v.a. dem Aufbau in Rojava auf einer politischen und zivilgesellschaftlichen Ebene gewidmet haben.

bis hin zur Unterstützung verwundeter KämpferInnen … – Celox Kampagne / Revolutionäre Solidarität mit Rojava

In dieser Kampagne wurde Geld für blutstillende Wundbandagen gesammelt, die den kämpfenden Einheiten vor Ort übergeben wurden. Da die medizinische Versorgung im Kampf oft sehr lange dauern kann können die Celox Verbände den KämpferInnen vor Ort das Leben retten.

Die Kampagne wurde gestartet von der Roten Hilfe International und es wurden Celox-Verbände im Wert von mehreren Zehntausend Euros an die verschiedensten Einheiten übergeben.

und der Unterstützung von Familien und Verwundeten. – Heyva Sor a Kurdistane e.V

sammelt aktuell Gelder für die Familien, Verwundeten und alle die vom Krieg betroffenen in Rojava. Ihr Ziel ist es die Not zu lindern, die durch den Krieg entstanden ist. Vor kurzem konnten 500.000 Euro nach Rojava überwiesen werden.

Heyva Sor a Kurdistane (Roter Mond von Kurdistan) wurde im Jahre 1993 in Bochum gegründet. Seitdem sammelt der Verein Spendengelder und setzt sich für notleidende Menschen Kurdistans ein. Besonders wo Kriege geführt und Menschen vertrieben werden setzt sich Hevya Sor ein. Sie wurde mehrfach selber Zielscheibe in Rojava.

Aber natürlich auch hier kann Solidarität geübt werden

Durch Demonstrationen und Kundgebungen zeigen wir einerseits Rojava, dass sie nicht alleine sind, andererseits verbreiten wir Informationen über die aktuelle Situation und den Kampf vor Ort. Darüber hinaus üben wir auch Druck auf die Regierung aus, um sie bspw. Zu einem Waffenlieferungsstopp an die Türkei zu bewegen.

Diese Beispiele zeigen auf, dass sich Solidarität nicht durch eine bestimmte Form ausdrückt, sondern vielfältig sein kann und sich gegenseitig ergänzt. Ins Besondere in Rojava ist ein Zusammenspiel aller Solidaritätsformen notwendig und wichtig.


Internationale Solidarität hat viele Gesichter

Solidarität kann sich auf verschiedenste Weise ausdrücken. Sei es durch das Kaufen einer Seife, durch die Verteidigung einer Idee, durch die Verbreitung von Informationen, durch die Organisation einer Kundgebung/Demo, durch das Spenden von Geld an Unterstützungsorganisationen für Verbände, oder oder oder…

Es gibt zahlreiche Mittel und Wege Solidarität auszudrücken. Sie alle stehen sich nicht gegenüber, sondern sie alle können sich gegenseitig ergänzen.

Für uns gibt es dennoch einige Eckpfeiler, die es aus unserer Sicht bei der Frage der Solidarität sehr wichtig sind, z.B.:

  • Solidarität ist nichts abstraktes, sondern sehr konkret: Sei es durch das Kaufen einer Seife oder durch das Verfolgen eines gemeinsamen Ziels und der gegenseitigen Unterstützung darin.
  • Solidarität ist der Versuch die forcierte Vereinzelung zu durchbrechen und ein kollektives Moment zu schaffen.
  • Solidarität öffnet die Perspektive einer solidarischen und kollektiven Gesellschaft – ohne Ausbeutung und Unterdrückung.
  • Internationale Solidarität bedeutet auch den Kampf im jeweiligen Land durch den Kampf im eigenen Land voranzubringen: Das heißt Kämpfe zu verbinden, aber auch den Widerstand im eigenen Land weiterzuentwickeln.