Bericht zur Kundgebung „Für ein solidarisches Miteinander – Gerade in Krisenzeiten!“ am 29. Mai 2020

Am Freitagabend, 29. Mai 2020 haben wir zu einer Kundgebung unter dem Motto „Schritt für Schritt – Viertel für Viertel: Für ein solidarisches Miteinander! Gerade in Krisenzeiten!“ aufgerufen, um über die Ursachen und Folgen des Lockdowns zu reden. Es versammelten sich über 40 Personen am Lukasplatz in Stuttgart-Ost, die den Redebeiträgen zuhörten, sich am Flyertisch informierten, miteinander ins Gespräch kamen, viel diskutierten und damit gemeinsam für einen solidarischen Stadtteil eintraten.

Neben Flyern, die an Passant*Innen verteilt wurden, gab es Redebeiträge von der Initiative Stuttgart-Ost solidarisch, dem Frauenkollektiv Stuttgart und Zusammen Kämpfen Stuttgart.

Dies war ein gelungener Auftakt und soll in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, um mit den Menschen in Stuttgart-Ost im Gespräch zu bleiben und ein solidarisches Miteinander im Viertel zu ermöglichen.

Hier findet ihr die Ankündigung zur Kundgebung:
https://zkstuttgart.wordpress.com/2020/05/25/fr-29-mai-fur-ein-solidarisches-miteinander-gerade-in-krisenzeiten/


Redebeiträge


Redebeitrag von Stuttgart-Ost Solidarisch

Hallo zusammen,

ich heiße euch alle herzlich Willkommen im Namen der Initiative Stuttgart- Ost Solidarisch.

Mit der Coronakrise und des darauf folgenden Lockdowns haben sich für die Meisten von uns zahlreiche Veränderungen ergeben. So konnten wir in den letzten Wochen nur sehr eingeschränkt mit Freunden und Familie in Kontakt treten. Durch Homeoffice und Kurzarbeit verbrachten wir viel Zeit, teils alleine, Zuhause. Die Schließung von Schulen, Kindergärten und weiteren Betreuungsangeboten führte zu einer enormen Belastung für viele Haushalte und eine Mehrarbeit in der Erziehung.

Zur sozialen Isolation und der Mehrarbeit kamen und kommen nun verstärkt die ökonomischen Folgen der Krise hinzu. Viele erhalten aufgrund der Regelungen zur Kurzarbeit ein geringeres Entgelt. Im Einzelhandel und der Gastronomie stehen Massenentlassungen an bzw. haben schon Viele vor allem Prekärbeschäftigte ihren Arbeitsplatz verloren.

Durch die Corona Krise ist damit eine Situation entstanden, in der die vorhandenen strukturellen Probleme eine enorme Zuspitzung erfahren. Menschen, die vorher schon knapp bei Kasse waren sind nun umso stärker betroffen.

Die gesellschaftliche Vereinzelung nimmt durch die medizinischen Maßnahmen weiter zu, was den Austausch von Erfahrungen und den Zusammenschluss in gemeinsamen Interessen weiter erschwert.

Diese Zuspitzung benötigt unserer Meinung nach eine solidarische Antwort. Also eine Perspektive, die die Vereinzelung von Menschen und ihrer Probleme nicht als individuelles Schicksal begreift. Sondern als Probleme, von denen wir zwar einzeln unterschiedlich, aber zum großen Teil als Lohnabhängige gemeinsam betroffen sind.

Darum haben auch wir uns auf den Weg gemacht um hier vor Ort der Vereinzelung entgegen zu treten und eine gemeinsame, eine solidarische Perspektive konkret werden zu lassen.

Unter dem Namen Stuttgart Ost Solidarisch haben sich u.a. verschiedene Aktive aus dem Stadtteilzentrum Gasparitsch zusammengeschlossen, um innerhalb weniger Tage ein Netzwerk aufzubauen, das ehrenamtlich und gemeinsam konkrete Hilfen organisiert. Im Stadtteil verhängten wir Plakate, die sich sowohl an Menschen wendeten, die aufgrund der Situation in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt waren bzw. sind, als auch an Menschen, die diese unterstützen wollten. Nach und nach beteiligten sich BewohnerInnen aus dem Stadtteil und gegenseitige Unterstützung konnte kostenlos organisiert werden.

Die damit geschaffene Plattform ist ein erster wichtiger Schritt. Sie stellt eine Basis für einen solidarischen Prozess dar.

Die konkrete gegenseitige Unterstützung, das Teilen von Informationen, aber auch weitergehende Ideen zielen darauf ab, solidarisches Handeln zu organisieren und zu stärken und damit das zu realisieren, was wir in unserem Namen bereits vorweg nehmen. Einen solidarischen Stadtteil.

Dass dies umso notwendiger wird zeigt sich in der jetzigen Situation, in der die wirtschaftliche Krise immer stärker in den Fokus rückt. Vordergründig läuft es auf die Frage hinaus, ob der Lockdown beendet werden soll – und damit evtl. Menschenleben gefährdet werden,

oder ob dieser aufrechterhalten werden soll und in Folge dessen menschliche Existenzen vor dem Bankrott stehen. Wir möchten eine Perspektive schaffen, die über diesen Widerspruch hinausgeht.

Diese kann dabei nicht von heute auf morgen entstehen oder am Reißbrett durchgeplant werden. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Prozess, welcher sich Schritt für Schritt entwickelt und dabei von dem Engagement und dem Willen der Beteiligten lebt.

Solidarität ist etwas sehr konkretes und dennoch nicht immer greifbar. Sie besteht sowohl in der gegenseitigen Hilfe, beispielsweise beim Einkauf, geht aber weiter. Den Betroffenen ein gemeinsames Forum zu bieten, sich auszutauschen und zu diskutieren bildet die Grundlage dafür Interessen als gemeinsame zu erkennen und dafür zu streiten.

Die Corona Krise hat dazu geführt, dass Viele der vorhandenen Widersprüche deutlicher wurden und es entwickelte sich trotz oder gerade deswegen eine große Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft. Daran gilt es anzuknüpfen und diesen Prozess gemeinsam anzukurbeln und zu gehen.

Hierzu möchten wir euch herzlich einladen…


Rede des Frauenkollektivs Stuttgart

Liebe Passantinnen und Passanten, Liebe Genossinen und Frauen,

Seit einigen Wochen befindet sich unsere Gesellschaft in einem Ausnahmezustand, um die Verbreitung des Virus SARS Covid-19 sowie dessen weitreichende Konsequenzen bestmöglich zu lenken und aufzufangen.

Der Lockdown, der zur Eindämmung des Virus notwendig ist, hat bereits und wird in vielen Bereichen spürbare Folgen hinterlassen Es wird derzeit schon sehr deutlich: Die Auswirkungen der Maßnahmen werden zu einem großen Teil von Frauen* getragen und auf deren Rücken ausgeglichen.

Für viele Frauen ist das Zuhause, wie gerade überall offiziell propagiert wird, kein sicherer Rückzugsort. Statistiken zeigen, dass etwa jede vierte Frau in einer Partnerschaft mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner erfährt. Gerade jetzt sind Frauen in vielen Haushalten und familiären Zusammenhängen vermehrt physischer, psychischer sowie sexualisierter Gewalt durch den Partner, Ehemann oder ein anderes männliches Familienmitglied ausgesetzt. So müssen Frau und Kind oft für den Mann als „Ventil“ herhalten, um mit Frustration, Stress und Kontrollverlust umzugehen. Hilfetelefone und Frauenhäuser verzeichnen zum Teil doppelt so viele Meldungen wie vor der Krise. Die Dunkelziffer wird noch viel höher liegen, da Frauen durch die momentane dauerhafte Nähe zum Täter kaum Momente alleine finden, in denen sie sich Hilfe suchen können.

Es werden derzeit von staatlicher Seite Gelder für Hilfetelefone und Frauenhäuser zugesichert, die schon vor längerer Zeit genehmigt und bereits oft gefordert wurden, um die vorhandenen Plätze aufzustocken. Diese Zuschüsse und Möglichkeiten verschaffen zwar einzelnen Frauen eine Chance ihrer Situation zu entkommen und sind auch bitter nötig, doch reicht dies wirklich aus um die Situation von Frauen nachhaltig zu verbessern und z. B. eine latent drohende Gewalt gegenüber allen Frauen zu verringern?

Was unsere Antwort ist!

Wir als Feministinnen müssen viel tiefer an die Wurzel der Probleme gehen. Wir müssen zu einem Zustand kommen, indem wir gar keine Frauenhäuser mehr brauchen und jede Frau über ihren Körper frei entscheiden kann. Dazu müssen wir erkennen, dass die Unterdrückung gegenüber Frauen nicht mit der Pandemie eingesetzt hat. Sie existiert schon sehr lange Zeit davor und ist tief in unserer Gesellschaft verankert. Jede 6. Frau hat in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erlebt. Gewalt wird in unserem kapitalistischen und patriarchalen System angewandt, um Frauen zu konditionieren, sei es in Partnerschaften, der Familie oder der Öffentlichkeit. Frauen sollen den gesellschaftlich für sie zugedachten Rollenbildern entsprechen. Zum einen die Rolle der fürsorglichen und einfühlsamen Mutter – emotional, funktionsfähig und selbstlos. Zum anderen gleichzeitig schön und sexy, allzeit verfügbar aber nicht leicht zu haben zu sein. Wenn sie diesen Normen nicht entsprechen, müssen Frauen vermehrt mit Konsequenzen und Gewalt rechnen, um sie in ihre vorgeschriebene Rolle zu zwingen. Sei es durch blöde Sprüche in der Bahn, ungewollte Berührungen im Gedränge oder in einer Bar. Schlägen, wenn in der Beziehung keine Argumente mehr vorhanden sind oder sexuelle Nötigung, um die Macht über Frauen auszudrücken.

Um eine Veränderung dieses Systems zu erreichen, müssen wir uns und unsere Vorstellungen von den kulturell geprägten Geschlechtern hinterfragen und die Gesellschaft, in deren Ordnung und Konstrukt wir leben, verändern. Warum verrichten Frauen den Großteil der Hausarbeit und der Kindererziehung, warum soll nur ihnen dies von Natur aus im Blut liegen? Frauen erhalten, gerade auch durch Teilzeitarbeit aufgrund von Pflege und Kindererziehung, im Durchschnitt 22% weniger Lohn. Warum sind es also gerade als weiblich angesehene Arbeitsstellen, die schlecht bezahlt werden? Frauen ist es immer noch nicht erlaubt über ihren eigenen Körper frei zu entscheiden. Warum nehmen Staat und Kirche ihnen dieses Recht weg? Männer sehen sich dazu ermächtigt über Frauen zu entscheiden und frei darin zur „Not“ auch Gewalt bis hin zum Mord anwenden zu dürfen. Warum schaut ein Großteil der Gesellschaft bei solchen Taten stumm zu und sieht dies als privates Problem? Gewalt gegen Frauen hat System und muss auch als solches betrachtet werden. Warum werden Femizide in unserer Gesellschaft nicht als solche erkannt und benannt?

Was können wir tun?

Gerade jetzt müssen wir uns mit uns selber und unseren Freund*innen, Nachbar*innen und Kolleg*innen auseinandersetzen und miteinander in die Diskussion gehen. Wir müssen aufmerksam sein, wie es den Frauen um uns herum geht, ansprechen und Hilfe anbieten. Wir wollen ein solidarisches Miteinander leben und es geht eben uns alle etwas an.

Es muss unsere Aufgabe sein, die Ist-Zustände zu hinterfragen und in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Nur weil etwas als „Normalität“ scheint und weiter vermittelt wird, heißt dies nicht, dass es weiter so bleiben muss. Herrschende Ungerechtigkeiten durch die Unterdrückung der Frau müssen gesehen, angesprochen, aufgedeckt, dringend hinterfragt und letztlich überwunden werden. Die Befreiung aus diesen Verhältnissen müssen wir in unsere Hände nehmen. Wir müssen uns zusammentun, uns organisieren und gemeinsam gegen Diskriminierungen und Unterdrückungen einstehen, denn nur gemeinsam können wir den Kampf gegen das Patriarchat und dieses System aufnehmen und unsere Ziele erreichen.


Redebeitrag von Zusammen Kämpfen

Liebe Passantinnen und Passanten, liebe Freundinnen und Genossinnen, liebes Stuttgart – Ost,

Unser aller Alltag ist derzeit geprägt von Kontaktbeschränkungen, eingeschränkten Öffnungszeiten, Warteschlangen vor den Supermärkten und dem Durchführen sinnvoller medizinischer Maßnahmen wie dem Tragen einer Schutzmaske. Vor allem aber die ökonomischen Folgen der Coronakrise beschäftigen uns wohl am meisten: Entlassungen, Kurzarbeit und die daraus folgende Verschärfung der Lebenssituation.

Diese ökonomischen Folgen sind keine neuen Phänomene, die nur durch Corona zum Vorschein kamen. Die aktuellen Entwicklungen rund um das neuartige Virus wirken wie ein Katalysator auf die eh schon bestehende Krise des kapitalistischen Systems und offenbaren in diesem Zug Widersprüche und Sollbruchstellen der aktuell herrschenden neoliberalen Logik.

Denn das Versprechen des „Wohlstands für alle“ wirkt angesichts des stetigen Ausbaus des Niedriglohnsektors, der Hartz IV Gesetze und der immer weiter auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich eher wie ein Heilsversprechen, als dass es der Realität entspricht. Dass dabei der Großteil der Bevölkerung zwar den Reichtum produziert, davon aber immer weniger abbekommt, da der Gewinn von wenigen beansprucht wird, ist nicht nur traurige Realität, sondern folgt dabei der Systematik der hiesigen Herrschaftsverhältnisse.
Dies zeigt sich auch einmal mehr während der aktuellen Pandemie: Während die „systemrelevante“ Arbeit, wie Pflege und Versorgung chronisch unterbezahlt ist, ArbeiterInnen aus dem Niedriglohnsektor reihenweise ihren Job verlieren und schauen müssen, wie sie über die Runden kommen, kann der nicht-systemrelevante Manager großzügig auf einen Teil seines Lohns verzichten.

Es stellt sich daher die Frage, was in dieser Situation notwendig ist: Denn alles schimpfen, wutgeladenes diskutieren oder sich mit den Begebenheiten abfinden, wird nichts an dieser Systematik ändern.

Von verschiedenen Seiten werden daher derzeit Antworten gesucht und propagiert, die vom absoluten Lockdown bis dahin reichen, dass der Tod von alten Menschen und Risikogruppen zu Gunsten der Wirtschaft in Kauf genommen wird – wie es aktuell nicht nur von Boris Palmer dargelegt, sondern auch bei den Demos gegen die Corona-Maßnahmen in letzter Konsequenz gefordert wird. Garniert wird das Ganze dabei von vehementen Corona-Leugnern, die mit „Theorien“ verschiedenster Art aufwarten und gegen die Beschränkungen vorgehen wollen, um ihre individuelle Freiheit auf Kosten und auf die Gefahr von anderen auskosten zu können.

Dies stellt für uns keine Option dar!

Uns muss es darum gehen gegenseitige Solidarität aufzubauen und nicht darum Sündenböcke zu suchen.

Es gilt Prozesse einzuleiten, die die Basis bilden eine Gesellschaft so umzukrempeln, dass nicht der Profit, sondern die Bedürfnisse und die Menschen an erster Stelle kommen. Ein Prozess des solidarischen Handelns – ein Prozess in dem wir denken und lernen – ein Prozess der über die Kurzfristigkeit individueller Lösungsansätze hinaus denkt. Es geht also darum Solidarität in der Praxis zu erlernen und zu entwickeln.

Dazu wollen wir uns solidarische Lösungsansätze erarbeiten, die sich soweit wie möglich der Verwertungslogik entziehen, wie beispielsweise Nachbarschaftshilfe ohne, dass diese entgolten und so zu einer austauschbaren Ware wird.

Damit fangen wir hier und heute im Viertel an und organisieren unsere Form der Solidarität jenseits der Versprechungen von Staat und Kapital antipatriarchal, internationalistisch und antifaschistisch, anhand der Bedürfnisse und Interessen unserer Klasse.

Es liegt an jedem und jeder Einzelnen ein solidarisches Miteinander in S-Ost und darüber hinaus zu etablieren. Lasst uns daher zusammenschließen und für unsere Interessen einstehen. Dies beginnt im Kleinen im Beruf, im Stadtteil oder in der Nachbarschaft. Sei es durch Nachbarschaftshilfen, Frauengruppen, Betriebsstrukturen oder schlichtweg durch den stetigen Austausch miteinander.

Daher gilt es für eine solidarische Gesellschaft – eine Gesellschaft frei von Verwertungslogik und Profitzwang – eine Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung – eine Gesellschaft in dem der Mensch über dem Profit steht, zu streiten.

Schritt für Schritt, Viertel für Viertel
Für ein solidarisches Miteinander! Gerade in Krisenzeiten!