Stadtteilspaziergang 2020 – Gegen die patriarchale Unterdrückung – Für die Organisierung der Frauen*!

Nicht weit von hier findet zwei mal jährlich das Stuttgarter Volksfest statt, der Cannstatter Wasen. Ursprünglich wollten wir im folgenden Text darauf eingehen, dass Sexismus, die Objektivierung der Frau und sexualisierte Gewalt bei dem allseits beliebten Volksfest auf der Tagesordnung stehen und womit das zusammen hängt. Zynisch könnte man sagen, eines der wenigen guten Dinge an der ganzen Coronasituation und dem daraus folgenden Lockdown ist, dass uns der Wasen mit all seinem frauenfeindlichen und sexistischem Zusatzprogramm dieses Jahr erspart bleibt.

Ein Problem weniger?

Ganz im Gegenteil. Durch die Coronakrise und den Maßnahmen zur Eindämmung dieser spitzen sich die Problematiken für Frauen gerade weiter zu, was auf unsere gesellschaftlichen Verhältnisse, in welchen wir leben, zurück zu führen ist.

Aktuelle Zuspitzung in Zeiten von Corona

Überdurchschnittlich viele Frauen sind in systemrelevanten Berufen wie der Care-Arbeit, z.B. in Erziehungs- und Pflegeberufen, angestellt. Das Personal in deutschen Krankenhäusern besteht z.B. zu 76% aus Frauen. Aber auch die Arbeit im Einzelhandel, durch die wir weiterhin mit Lebensmitteln in unseren Supermärkten versorgt werden, wird zu 72,9% von Frauen ausgeübt. Trotz der jetzigen Erkenntnis durch die Coronapandemie, dass diese Berufssparten systemrelevant sind, gehören diese dem Niedriglohnsektor an, was eigentlich bereits ein Paradox an sich ist.

Weiter übernehmen durch die Schließung der Schulen meist Frauen die Versorgung und Unterrichtung der Kinder und dies oft gleichzeitig mit dem Versuch der Arbeit im Homeoffice nachzukommen sowie den Haushalt zu schmeißen. Denn Frauen übernehmen in Deutschland 72% der Hausarbeit, Männer hingegen 28%.

Sie tragen aber auch in anderer Sicht die Folgen der Pandemie, denn für viele Frauen ist das Zuhause, wie gerade überall offiziell propagiert, kein sicherer Rückzugsort. Statistiken des BMFSJ zeigen, dass etwa jede vierte Frau mindestens einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner erfährt. Gerade jetzt sind Frauen in vielen Haushalten und familiären Zusammenhängen vermehrt physischer, psychischer sowie sexualisierter Gewalt durch den Partner, Ehemann oder ein anderes männliches Familienmitglied ausgesetzt. So müssen Frau und Kind oft für den Mann als „Ventil“ herhalten, um mit Frustration, Stress und Kontrollverlust umzugehen. Hilfetelefone und Frauenhäuser verzeichnen zum Teil doppelt so viele Meldungen wie vor der Krise.

Diese Unterdrückung gegenüber Frauen hat sich nicht erst seit dem Ausbruch von Corona entwickelt, sondern schon sehr lange Zeit davor und ist tief in unserer Gesellschaft verankert.

Was ist eigentlich das Problem und warum ist das so?

Es ist ganz einfach. Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, die auf der Unterdrückung der Frau in den verschiedensten Ausformungen beruht und schon lange vor dem Kapitalismus entstanden ist. Die Kerne dieser Unterdrückung sind die ungleich verteile unbezahlte Haus- und Sorgearbeit, auch als Reproduktionsarbeit bekannt und die Gewalt gegen Frauen auf allen Ebenen und in allen Formen.

Die komplette (Reproduktions-)Arbeit, wie Kindererziehung, putzen, einkaufen, kochen die notwendig ist, um Arbeitskraft wiederherzustellen, lastet in den meisten Familien oder Partnerschaften auf den Schultern der Frauen, die daneben in einem der schlechter bezahlten Berufe wie Erzieherinnen, Grundschullehrerinnen, Pflegerinnen, Kassiererinnen prekär beschäftigt werden. Die deutlich schlechtere Bezahlung dieser oftmals als weiblich angesehene Arbeit führt die dort beschäftigten Frauen in eine noch größere Abhängigkeit von (ihren) Männern. Der Kapitalismus nimmt diese Form der kostenlos verrichtete Reproduktionsarbeit gerne an, denn sie hält dem arbeitenden Mann den Rücken frei, was ihn länger und effizienter arbeiten lässt und damit die Mehrwertproduktion steigert. Außerdem befreit dies den Mann gleichzeitig von der Notwendigkeit sich um diese Art Arbeit zu kümmern. Folglich sind Frauen die doppelten Verliererinnen, da sie gegen zwei Formen der Unterdrückung zu kämpfen haben. Das liegt daran, dass das kapitalistische System vom Patriarchat profitiert, dessen Wirkmechanismen in die seinen integriert und sich wie beschrieben zu Nutzen macht. So arbeiten heute beispielsweise Frauen in Deutschland 77 Tage im Jahr umsonst. Das Patriarchat und der Kapitalismus sind eine Symbiose ihrer Unterdrückungsmechanismen eingegangen, von der Frauen in mehrfacher Weise betroffen sind und die objektiv nur im Interesse der Bourgeoisie liegen kann. Doch gegen diese Form der mehrfachen Ausbeutung regte und regt sich Widerstand.

Was tun wir dagegen?
...Schritt für Schritt die Organisierung aufbauen

Das heißt für uns im Umkehrschluss, dass wir gegen beide uns unterdrückende Systeme aktiv vorgehen müssen. Somit kämpfen wir einerseits für die Befreiung der Frau vom Patriarchat und andererseits vom Kapitalismus. Linke Politik und eine antikapitalistische Perspektive muss daher immer auch den Kampf gegen das Patriarchat im Blick haben und sollte in all unsere Kämpfe integriert und nicht nur rund um den 8. März zum Thema gemacht werden. Deswegen muss unser Kampf zur Befreiung der Frau auch ein wichtiger Bestandteil des 1. Mai und darüber hinaus sein.

Es muss Räume geben, in denen Frauen unter sich arbeiten können, um echte Emanzipation zu erreichen. Als eines unserer Ziele treiben wir somit eine Organisierung von Frauen für Frauen mit voran, weswegen wir Initiativen, wie beispielsweise das Frauenkollektiv Stuttgart als sehr wichtig erachten.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass für die Befreiung der Frau auf verschiedenen Ebenen gekämpft werden muss, da sich das Patriarchat schon lange vor dem Kapitalismus eingenistet hat und sich mit dem Zusammenbruch des kapitalistischen Systems auch nicht automatisch mit erledigen wird.

Stadtteil für Stadtteil – für ein solidarisches Miteinander

Die patriarchale Unterdrückung der Frau ist omnipräsent und allgegenwärtig. In jedem Haushalt, jeder Wohnung, jedem Haus, in jeder Straße, in jedem Viertel ist dies ein alltäglicher Zustand, den wir aufdecken, anklagen und verändern wollen. Es muss unsere Aufgabe sein, die Ist-Zustände zu hinterfragen und in einen gesellschaftlichen Kontext zu stellen. Nur weil etwas als „Normalität“ scheint und ständig als naturgegeben vermittelt wird, heißt dies nicht, dass es weiter so bleiben muss. Herrschende Ungerechtigkeiten durch die Unterdrückung der Frau müssen gesehen, angesprochen, aufgedeckt, dringend hinterfragt und letztlich überwunden werden.

Im Kampf für ein solidarisches Miteinander muss es also ein elementarer Bestandteil sein gegen diese Unterdrückungsverhältnisse vorzugehen. Strukturen wie das Frauenkollektiv sind hierbei ein konkreter Ansatzpunkt, die einerseits Schutz geben und gleichzeitig die Möglichkeit bieten die eigene Kraft und Stärke zu entdecken. Andererseits gilt es der Unterdrückung und den daraus folgenden Auswirkungen auch im Alltag entgegen zu wirken und damit liegt es an jedem und jeder Einzelnen sexistisches Verhalten und patriarchale Zustände anzugehen und zu verurteilen. Denn das ist ein weiterer Eckpunkt für die Entwicklung einer solidarischen Gesellschaft und eines solidarischen Miteinander in unserem Viertel, in Stuttgart-Ost.


Auf unserer Themenseite findet ihr unser Positionspapier zur aktuellen Situation, weitergehende Informationen zum Stadtteilspaziergang, Vorträge und alles rund um den 1. Mai:

https://zkstuttgart.wordpress.com/solidarisches-miteinander



Zusammen Kämpfen Stuttgart
https://zkstuttgart.wordpress.com