Kapitalismus und Patriarchat gemeinsam den Kampf ansagen – ein Resümee zum diesjährigen 8. März

Ein kämpferisches erstes Quartal 2020 liegt hinter uns. Der diesjährige Frauenkampftag stand für uns ganz im Zeichen den Kampf gegen Kapitalismus und Patriarchat zu verbinden und den internationalistischen Aspekt darin hervorzuheben. Dazu haben wir uns mit bereits vergangenen Kämpfen beschäftigt, uns mit internationalen Frauenbewegungen befasst und sind selbst aktiv geworden, um unsere Inhalte und Forderungen für die Befreiung der Frau hier, auf die Straße zu tragen.

Begonnen hat für uns die Kampagne rund um den internationalen Frauenkampftag bereits mit der Filmvorführung „Frauen bildet Banden“, am Donnerstag, den 27.02.20 im Stadtteilzentrum Gasparitsch. Ca. 50 Besucherinnen kamen, um den Dokumentarfilm über die „Rote Zora“ vom LesbenFrauenFilmCollectif zu sehen und im Anschluss mit einer der Regisseurinnen darüber zu diskutieren. Entstanden ist die feministische Gruppe „Rote Zora“ in den 80er Jahren aus dem Kontext der Revolutionären Zellen. Ihre Aktivitäten richteten sich u.a. gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen, gegen Gen- und Reproduktionstechnologien, Bevölkerungspolitik und internationale Ausbeutungsbedingungen als Ausdruck patriarchaler Herrschaft. Im Gespräch mit den Regisseurinnen und der Diskussion am Ende wurde u.a. erörtert, dass viele Themen der Roten Zora heute immer noch hoch aktuell sind und der Kampf dagegen unbedingt weiter geführt werden muss.

Unsere Beweggründe für die Filmvorführung lagen zum Einen auf dem historischen Schwerpunkt, um sich revolutionäre Geschichte anzueignen und diese auch zu verteidigen. Zum Anderen war uns der Aspekt der selbstbestimmt geführten Kämpfe von Frauen, die sich aus eigener Kraft heraus selbst ermächtigt haben, auf die herrschende Unterdrückung öffentlich aufmerksam gemacht und aktiv für ihre Befreiung kämpften, wichtig.

Am Samstag, den 29.02.20 haben wir gemeinsam mit dem Frauenkollektiv Stuttgart einen kleinen Aktionstag zur Kundgebung und Demonstration am 7. März durchgeführt, um unsere Inhalte bezüglich der Frauenkampfthematik in die Stadt zu tragen. Wir haben Wandtafeln verhängt, Mobilisierungsmaterial für die Aktion am 7. März verteilt, Halstücher und Buttons für den Flashmob „der Vergewaltiger bist du“ zugeschnitten und bedruckt sowie den Flashmob an sich geübt. Ein gelungener Tag, der uns sehr motiviert hat. Die Reaktionen waren durchweg positiv, die Aktion kam gut an und so gelang es, die Thematik des Kampfs um die Befreiung der Frau auf verschiedene Art in die Bevölkerung zu tragen und auf die Demonstration am 7. März zu mobilisieren.

Die wichtigste Aktion rund um den Frauenkampftag war für uns die Kundgebung und Demonstration, am 7. März um 15.00 Uhr, die am Schlossplatz startete. Organisatorin der politischen Aktion war das Frauenbündnis Stuttgart, in welchem 10 politische, gesamtgesellschaftliche und feministische Gruppen aktiv sind.

Dies sind: ADKH-Demokratische Frauenbewegung in Europa, Frauenverband Courage, Frauenkollektiv Stuttgart, HDKA-A Stuttgart, Neue Frau (Yeni Kadin), Samstagsmütter, Sozialistische Frauenbewegung (SKB), YJK-E, Zusammen Kämpfen Stuttgart, Rahai Zan (Iranische Organisation)

Bevor wir mit rund 350 Menschen durch die Stuttgarter Innenstadt zogen, wurde noch der Flashmob „Der Vergewaltiger bist du“ von dem Künstlerinnenkollektiv „Las Tesis“ zusammen mit vielen Kundgebungsteilnehmerinnen getanzt. Hier ist es gelungen, die Thematik der herrschenden patriarchalen Gewalt gegen Frauen in die Bevölkerung zu tragen und durch die anschlussfähige Aktion eine Schlagkraft zu entwickeln, sowie internationale Solidarität mit allen kämpfenden Frauen herzustellen.

Dieses Jahr stand die Aktion des Frauenbündnisses zum Frauenkampftag ganz unter dem Motto: „Ya Basta, Edi Bese, Es reicht!“. Inhaltlich setzte sich die Demonstration mit vielen Facetten des Frauenkampfes auseinander. Die Redebeiträge der Gruppen thematisierten vor allem die unbezahlte Heim- und Carearbeit, die menschenverachtende Situation an der türkisch-griechischen Grenze und die daraus resultierenden besonders schweren Folgen für Frauen, sowie das Zusammenwirken des Kapitalismus mit dem Patriarchat und die daraus resultierenden Konsequenzen im Frauenkampf. Es wurden viele Passant*innen entlang der Demoroute durch das Verteilen von Flyern, Parolen und Redebeiträgen erreicht und auf die Bedeutung des 8. März und des Frauenkampfes aufmerksam gemacht. In unserem Redebeitrag behandelten wir die Thematik, dass Veränderung der herrschenden Unterdrückung der Frau nur möglich wird, wenn der antikapitalistische Kampf mit dem Kampf gegen das Patriarchat verbunden wird. Wir müssen klare Brüche zum herrschenden System aufmachen und die Ursachen der Unterdrückungen benennen, um eine echte Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen.

Sonntag, der 8. März stand im Zeichen des Streikes, vor allem im Bereich der Sorgearbeit und aller sonstigen Sonntagsarbeit – ob bezahlt oder unbezahlt. Gemeinsam mit dem Frauenkollektiv Stuttgart waren wir auf der Demonstration des Aktionsbündnis 8. März mit zwei Transparenten präsent und haben uns nochmals gemeinsam mit vielen anderen Frauen, die Straße genommen und auch dort eine klar antikapitalistische und antipatriarchale Position vertreten.

Der internationalistische Abend am Freitag, den 13. März, unter dem Motto „Frauenkampf international – Die Stärke der Frauenbewegung heute und in Zukunft“ bildete den Abschluss unserer diesjährigen 8. März Kampagne. Den diesjährigen internationalistischen Schwerpunkt, der bereits im Aufruf seinen Anfang nahm, verliehen wir noch einmal Ausdruck indem wir uns mit Frauenkämpfen aus verschiedenen Ländern beschäftigten. Diese waren Indien, Chile, Mexiko, Rojava, Türkei sowie Iran. Es ging uns jeweils darum aufzuzeigen, was der fortschrittliche Moment der verschiedenen Frauenbewegung ist, was dies für den Frauenkampf hier bei uns bedeutet, was wir daraus lernen können und wie wichtig es ist aufeinander Bezug zu nehmen. Wir haben dazu in Wandtafeln die ökonomische Situation des Landes beleuchtet, wie sich das Patriarchat im Konkreten auswirkt dargestellt und schließlich die frauenkämpferische Bewegung vorgestellt sowie ihre fortschrittlichen Momente. Selbstbestimmte Kämpfe, die von unten organisiert und von Frauen geführt werden, die zu einer Emanzipation ihrer selbst und meist auch zu einer Verbesserung der jeweiligen Situation führen haben wohl alle Bewegungen gemeinsam.

Nach einer kurzen Einleitung haben sich die Zuhörer*innen die Wandtafeln durchgelesen und kamen danach für eine Diskussion noch einmal zusammen. Es ging darum, was das Erfahrene für den Frauenkampf allgemein, und in Zukunft zu bedeuten hat und was wir daraus für uns lernen können.

Wir haben den diesjährigen Frauenkampftag nicht nur dazu genutzt, auf die Lage der Frauen in Deutschland und Europa aufmerksam zu machen, sondern Probleme und Forderungen der weltweiten Frauenbewegung aufzunehmen und auf die Straße zu tragen. Wir solidarisieren uns mit der weltweit kämpfenden Frauenbewegung und haben auch an diesem 8. März, 110 Jahre nach der Ausrufung des internationalen Frauen*kampftags, ein starkes Zeichen für echte Gleichstellung, für Solidarität, für Widerstand und für Selbstbestimmung gesetzt!

Der 8. März steht symbolisch für den Kampf der Frauen. Der Kampf gegen patriarchale Unterdrückung und für die Befreiung der Frau darf aber nicht nur an diesem speziellen Tag geführt werden, er muss an jedem einzelnen Tag geführt werden.

Für die Befreiung der Frau!
Zusammen kämpfen gegen Patriarchat und Kapitalismus!

Rede von Zusammen Kämpfen

Das Jahr 2019 war geprägt von weltweiten Massenprotesten. Trotz den Versuchen der Regierungen die Situation zu befrieden ließen sich die Protestierenden nicht mehr aufhalten. Die Menschen kämpfen gegen Ausbeutung und Unterdrückung. Sie fordern ein Umdenken sowie eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. In vielen Ländern, wie Chile, Indien, Iran oder Rojava stehen Frauen an der Spitze der Proteste und sind ein wichtiger Antrieb der politischen Bewegungen. Sie sind Teil der gesamtgesellschaftlichen Proteste, aber kämpfen gleichzeitig auch in den eigenen Bewegungen für ihre Befreiung. Sie haben einen doppelten Antrieb und verbinden den Kampf gegen kapitalistische Ausbeutung mit dem Kampf gegen das Patriarchat und geben damit feministischen Forderungen in den Protesten Raum. Die Unterdrückung der Frau in der patriarchalen Gesellschaft, Femizide und religiöser Fundamentalismus sind nur einige der bestimmenden Themen der internationalen Frauenbewegung.

Die genannten Länder und die Kämpfe der Frauen dort scheinen weit weg zu sein von unserem vermeintlich emanzipierten und freien Leben in Deutschland. Doch auch hier sind Frauen gefangen im System der doppelten Unterdrückung durch Kapitalismus und Patriarchat. Die Unterdrückungsmechanismen unterscheiden sich von Region zu Region durch Qualität und Quantität der Übergriffe. Doch weltweit ist die Herrschaft des Mannes über die Frau manifestiert. Eine Veränderung dieser Gesellschaftsordnung und aller Probleme, die sie mit sich bringt, ist nur möglich, wenn der antikapitalistische Kampf mit dem Kampf gegen das Patriarchat verbunden wird. Denn was uns die weltweiten Beispiele verdeutlichen ist, dass der Kampf für die Befreiung der Frau immer auch im Inneren der Bewegungen und der Familien geführt werden muss. Zu tief verwurzelt sind Rollenmodelle und die Angst vor dem Verlust männlicher Privilegien.
Daher ist es wichtig, dass wir Frauen solidarisch und selbstbestimmt für die Veränderung des Systems auf die Straßen gehen. Durch vorangegangene feministische Kämpfe in Deutschland, gilt zumindest theoretisch die Gleichstellung der Geschlechter. Doch faktisch gibt es viele Bereiche, in denen dies nicht der Fall ist. Es gibt viele Ziele, für die es noch zu kämpfen gilt:

• das Recht auf körperliche Selbstbestimmung
• eine gleiche Bezahlung und Wertung von weiblich und männlich konnotierter Arbeit
• die gerechte Verteilung der Haus- und Sorgearbeit z.B. durch kollektivierte Kindererziehung und Bildung
• und die Überwindung von Geschlechterrollen

Die Forderungen der Frauenbewegung sind vielfältig. Oft hört man z.B. den Ruf nach einer Frauenquote, die Unternehmen zwingen soll mehr weibliche Führungskräfte einzustellen. Auch wünschen sich viele ein ausgeglichenes Verhältnis der Löhne durch 10-20% Lohnerhöhung für Frauen. Wir dürfen uns aber nicht mit schnellen und einfachen Lösungen zufrieden geben, denn diese Maßnahmen allein ändern nichts an der kapitalistischen Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Der feministische Befreiungskampf darf nicht auf ökonomische Aspekte reduziert werden, sondern muss auf allen Ebenen geführt werden, die der Unterdrückung der Menschen gelten. Der Kampf für die Befreiung der Frau muss immer auch antikapitalistisch sein, denn nur in einer Gesellschaft, in der es nicht nur um den Profit geht, können neue Formen des Zusammenlebens und des Zusammenspiels der Geschlechter geschaffen werden. Gleichzeitig gilt aber auch, in allen antikapitalistischen Kämpfen antipatriarchale Forderungen zu integrieren.

Alleine für sich, ist es unmöglich, die Ziele zu erreichen. Daher ist es notwendig, uns zusammen zu schließen und gemeinsam mit unseren Nachbarinnen, unseren Kolleginnen und unseren Freundinnen zu kämpfen. Das Ziel einer Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung eint uns. Durch gleiche Erfahrungen und ähnliche Lebensrealitäten verstehen wir uns besser. Gemeinsam können wir den Kampf um Gleichberechtigung in unserem Alltag führen, uns unterstützen und bestärken. Aus kleinen Anfängen kann so Großes entstehen.
Für die Befreiung der Frau!

Zusammen kämpfen gegen Patriarchat und Kapitalismus!

Aufruf Zusammen Kämpfen:

https://zkstuttgart.wordpress.com/2020/02/20/heraus-zum-internationalen-frauenkampftag-kapitalismus-%e2%80%a9-patriarchat%e2%80%a9-gemeinsam-den-%e2%80%a9kampf-ansagen/

Rede des Frauenkollektivs

„Frauen gehört die Welt.“

Dieses Sprichwort wird im Alltag oft und gerne genutzt. Doch Zahlen und Fakten zeigen, dass uns Frauen die Welt nicht gehört.

Nur 10% des weltweiten Einkommens erhalten Frauen – und nur 1 % des Globalvermögens ist in Besitz von Frauen.

Nach dem aktuellen Bericht der Bundesregierung über den Gender Care Gap leisten Frauen täglich 87 Minuten mehr Haus- und Sorgearbeit als Männer.

Der extremste Unterschied beim Gender Care Gap zeigt sich bei den 34-Jährigen: In dieser Altersgruppe verbringen Frauen täglich durchschnittlich über 5 Stunden mit Haus- und Sorgearbeit, Männer dagegen nur ca. 2,5 Stunden.

Warum ist das so?

Wir leben in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung, die uns die sogenannten klassischen Rollenbilder von Männern und Frauen jeden Tag, z.B. durch Medien und Fernsehen anpreist, bis wir sie verinnerlicht haben und ebenfalls als erstrebenswert ansehen. Der Mann gilt als finanzieller Versorger, der nach außen wirkt und von der Familie unterstützt werden muss. Dadurch entsteht ein Machtverhältnis, welches ihm besondere Privilegien zugutekommen lässt wie z.B. familienunabhängige Freizeitgestaltung, Bestimmung über Finanzen, beruflich bedingte Wohnortwahl und Kindererziehung als „Hobby“. Die Frau hingegen kümmert sich, weil dies angeblich in ihrer Natur liegt, um die Kinder und den Haushalt und fügt sich der Familie.

Das kapitalistische System, in dem wir leben, trägt ebenfalls zur Zementierung der Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bei. Die immer noch bestehende ungleiche Bezahlung der Geschlechter und die steuerrechtlichen Vorteile im Zusammenhang mit einer Eheschließung sind Faktoren, warum es meist „logisch“ erscheint, dass Männer die finanzielle und Frauen die erzieherische und hauswirtschaftliche Versorgung in der Familie übernehmen.

Für Frauen ergeben sich dadurch aber wirtschaftliche Nachteile, die meist zu finanziellen Abhängigkeiten führen. Zusätzlich sind Frauen aufgrund des niedrigeren Einkommens, den Fehlzeiten durch Kindererziehung und Pflege von Angehörigen und den daraus resultierenden geringeren Rentenansprüchen, stärker von Altersarmut betroffen.

Die hohe weibliche Präsenz in der Teilzeitbeschäftigung ist ebenfalls Folge der „klassischen“ Rollenverteilung, die die Frau als Mutter und Hausfrau im häuslichen Umfeld festhält.

Wir fordern die Abschaffung und Überwindung der „klassischen“ Rollenverteilung, eine gerechte Aufteilung der Haus- und Sorgearbeit sowie gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Jede Frau soll selbstbestimmt und frei von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen über ihr Leben entscheiden können.

Um für die Aufrechterhaltung des bereits Erreichten, für Fortschritt, Emanzipation und eine Veränderung der Gesellschaft zu kämpfen, müssen wir Frauen die immer noch bestehenden Unterdrückungsmechanismen und deren Auswirkungen wie Alltagssexismus erkennen und lernen gemeinsam dagegen vorzugehen.

Setzt euch für eure Rechte ein, tauscht euch aus, organisiert euch in Frauengruppen und steht bei Diskriminierungen für einander ein. Haltet zusammen, nur gemeinsam können wir den Kampf gegen das Patriarchat aufnehmen und unsere Ziele erreichen!

Frauen wehrt euch – erhebt eure Stimme!
Gegen Unterdrückung jeder Art, nieder, nieder mit dem Patriachat!

Aufruf Frauenkollektiv