Gedenkkundgebung an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ – Erinnern.Gedenken.Kämpfen

„Niemand hat das Recht, sein Gehorchen als Vorwand für die Rechtfertigung seines Handelns zu benutzen. Gehorchen ist keine Rechtfertigung für Handeln“

Hannah Arendt

Unter dieser Losung fand die diesjährige Gedenkveranstaltung anlässlich der Befreiung von Auschwitz vor 75 Jahren an der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ in Stuttgart-Nord statt. Initiiert vom Mauthausen Komitee Stuttgart e. V. und Zusammen Kämpfen Stuttgart und unterstützt von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. und der SDAJ Stuttgart versammelten sich am 26.01.2020 über 100 Menschen an der Gedenkstätte.
Zu Beginn richtete Andreas Keller, der Vorsitzende des Vereins „Zeichen der Erinnerung e.V.“, einige Worte an die Anwesenden. Dabei ging er auf das Zitat von Hannah Arendt ein und erläuterte auch anhand von ihren Worten die Phasen der Entmenschlichung während des Nationalsozialismus. Während ein Großteil der Bevölkerung schwieg, die Verbrechen duldete und sogar billigte, wurden hier am inneren Nordbahnhof über 2500 Menschen, größtenteils Jüdinnen und Juden, deportiert und umgebracht. Dann machte er die ZuhörerInnen auf die Wand innerhalb der Gedenkstätte aufmerksam an der die Namen der Opfer angebracht sind. Sein abschließender Appell war eindeutig:

„Dies ist unsere Verantwortung für heute, für morgen, für die Zukunft: Zeugnis zu geben, was geschehen ist, sich mit all unseren Kräften dafür einzusetzen, dass ein solches Menschheitsverbrechen nie wieder geschieht.“

Im Anschluss ging eine Rednerin des Mauthausen Komitee Stuttgart e.V. auf die Bedeutung des 27. Januars ein. Dass dieser mittlerweile ein internationaler Gedenktag ist, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein großer Verdienst all jener, die jahrzehntelang dafür gekämpft haben. Auschwitz wurde deshalb zum Symbol des Holocaust, da die Nazis allein hier über eine Million Menschen industriell vernichtet hatten. Dass in der Bundesrepublik eine faschistische Kontinuität besteht, erläuterte die Rednerin anhand des Beispiels NSU sowie der staatlichen Verstrickungen in diese neofaschistische Gruppe. Darüber hinaus machte sie auf die Mechanismen der Ausgrenzung aufmerksam, die nach wie vor wirksam sind. Ihr abschließender Satz ist auch heutzutage noch aktuell und sollte uns hellhörig werden lassen:

„Die Arbeiterinnenbewegung der 1920er Jahre war tief gespalten und hat sich gegenseitig und nicht gemeinsam die Nazis bekämpft. Das war ein Grund für die damalige Niederlage. Unser Motto muss sein: Im antifaschistischen Ziel und gegenseitigen Respekt geeint, denn wir werden einander brauchen!“

Den Abschluss bildete ein Redner von Zusammen Kämpfen Stuttgart. Er betonte, dass Auschwitz nicht nur ein Symbol für millionenfachen Mord ist und der Fokus nicht nur auf die SS-Mörder und auch Mörderinnen gelenkt werden darf. Auschwitz ist auch ein Symbol für eine Gesellschaft, die eben genau diesen millionenfachen Mord akzeptierte und rechtfertigte. Mit der Befreiung von Auschwitz wurden daher nicht grundsätzlich neue gesellschaftliche Verhältnisse geschaffen, die so eine Barbarei unmöglich machen. Vielmehr existiert in den Verhältnissen als auch in den Menschen die Bereitschaft zur Barbarei weiterhin. Daher ist eine Auseinandersetzung mit uns selbst und unseren Verhaltensweisen notwendig, um eine solidarische Gesellschaft zu schaffen. Nicht nur die Konfrontation mit Nazis, Faschisten und anderen Reaktionären ist entscheidend, sondern vielmehr die Konfrontation mit uns selbst und die immer wieder aufzuwerfende Frage des Menschseins.

Nachdem auch dieser Redebeitrag musikalisch von der Gruppe „Hörmal Vokal“ abgerundet wurde, begannen mehrere KundgebungsteilnehmerInnen Kerzen anzuzünden und Blumen niederzulegen. Ein Gedenkkranz mit Primo Levis bekannten Worten „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen“ wurde ebenfalls niedergelegt. Mehrere Menschen nutzten auch die Gelegenheit einige Nachdenkkarten mit auf den Weg nach Hause zu nehmen.

Rede von „Zeichen der Erinnerung“ e.V.

Gedenktage sind Anlässe zur Selbstreflexion. 2020 –75 Jahre nach Kriegsende –wird insbesondere in Deutschland aus Anlass der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 durch sowjetische Truppen der Opfer des NS-Regimes gedacht. Vergangenes Jahr lag der Schwerpunkt des Gedenkens auf Menschen, die auf Grund ihrer anderen sexuellen Orientierung ermordet wurden, dieses Jahr gedenken wir vor allem der Opfer der Euthanasie. Dazu findet morgen in Grafeneck die zentrale Gedenkfeier des Landes BW statt, letzte Woche gab es wichtige Veranstaltungen im Hotel Silber und dem Haus der katholischen Kirche. Die „Anstifter“ veröffentlichen einen „Auschwitz-Appell 2020“, den Sie auf ihrer Homepage noch unterzeichnen können. Heute um 18 Uhr –also quasi im Anschluss an unser Gedenken hier –findet ein Gedenk-konzert im Hospitalhof statt, bei dem Landesbischof Otfried July sowie Barbara Traub für die Israelitische Religionsgemeinschaft und der Antisemitismusbeauftragte des Landes, Michael Blume sprechen werden. Sie sind herzlich eingeladen! In Grafeneck wurden 1940 innerhalb von10 Monaten fast 11.000 Menschen -wegen ihrer Erkrankung als „lebensunwert“ deklariert -umgebracht. Eine entsetzliche Zahl. Nach der Reichspogromnacht 1938 setzte Verfolgung, Entrechtung und Ermordung ein in einem für uns auch heute noch immer nicht vorstellbaren Ausmaß. Am Ende 6 Millionen Ermordete. An sie hat unser Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vergangene Woche in Yad Vashem mit einer großen, tief zu Herzen gehenden Rede, gedacht. „Niemand hat das Recht, sein Gehorchen als Vorwand für die Rechtfertigung seines Handelns zu benutzen. Gehorchen ist keine Rechtfertigung für Handeln. „Diese Maxime von Hannah Arendt, 1964 im Kontext des Eichmann-Prozesses formuliert, haben die Organisatoren des heutigen Gedenkens als Überschrift zu ihrem Aufruf gewählt. Fast 20 Jahre zuvor –1946 –schrieb sie. Die Tatsachen sehen folgendermaßen aus: Sechs Millionen Juden, sechs Millionen menschliche Wesen, wurden hilflos und meist ahnungslos in den Tod getrieben. Die dabei angewandte Methode war schrittweise verstärkter Terror. Am Anfang standen kalkulierte Missachtung, Beraubung und Schande, und da starben die körperlich Schwachen zusammen mit denen, die stark und widerspenstig genug waren, sich das Leben zu nehmen.
Darauf folgte totales Aushungern, verbunden mit Zwangsarbeit, und da starben die Menschen zu Tausenden in unterschiedlichen, ihrem Durchhaltevermögen entsprechenden Zeitabständen. Zuletzt kamen die Todesfabriken, und da starben alle gemeinsam, die Jungen und die Alten, die Schwachen und die Starken, die Kranken und die Gesunden; sie starben nicht als Menschen, nicht als Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Jungen und Mädchen, nicht als gute oder schlechte, schöne oder hässliche Menschen -sondern sie wurden auf den kleinsten gemeinsamen Nenner organischen Lebens zurückgeführt und in den finstersten und tiefsten Abgrund ursprünglicher Gleichheit hinuntergestoßen, wie Vieh, wie Materie, wie Dinge, die weder einen Leib noch eine Seele, ja nicht einmal ein Gesicht besaßen, dem der Tod sein Siegel aufdrücken konnte. In dieser ungeheuerlichen Gleichheit ohne Brüderlichkeit oder Menschlichkeit -…-, erblicken wir wie in einem Spiegel das Bild der Hölle. Die abartige Schlechtigkeit jener, die eine solche Gleichheit errichtet haben, übersteigt das menschliche Begriffsvermögen. Doch genauso abartig und außerhalb der Reichweite menschlicher Gerichtsbarkeit ist die Unschuld jener, die in dieser Gleichheit gestorben sind. In der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ finden Sie auf der Wand der Opfer etwa 2500 Namen jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, die vom Killesberg aus hierhergebracht und dann mit Zügen in die Todeslager deportiert wurden. Daten und Ziele stehen außen auf der Wand. Seit 2008 wird auch an etwa 250 Sinti und Roma erinnert, die im März 1943 aus Stuttgart deportiert, in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Auch eine Opfergruppe, die erst sehr sehr spät erkannt wurde und sich nun ebenso in unser Gedächtnis eingegraben hat. Wenn Sie an der Namenswand entlang gehen und die Nachnamen lesen, wird Ihnen der Atem stocken und das Herz schier stehen bleiben im Erkennen, wie ganze Familien systematisch ausgerottet wurden. Auf der Gedenktafel an der Martinskirche steht der Satz „Unter den Augen der evangelischen Martinsgemeinde wurden sie deportiert“ und auf der Tafel an St. Georg „Wir haben geschwiegen“. Dies ist unsere Verantwortung für heute, für morgen, für die Zukunft: Zeugnis zu geben, was geschehen ist, sich mit allunseren Kräften dafür einzusetzen, dass ein solches Menschheitsverbrechen nie wieder geschieht. Angesichts wachsenden Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Rechtsradikalismus: Nicht wegsehen –nicht schweigen!

Andreas Keller am 26.01.2020 –Gedenkveranstaltung im „Zeichen der Erinnerung“ Stuttgart-Nord

Das Bild der Hölle (1946) aus Hannah Arendt, Wir Juden Schriften 1932 –1966 (Piper 2019) S. 315ff

Rede Mauthausen Komitee Stuttgart e.V.

Gedenkfeier anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages am 26. Januar 2020 in der Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“ im Inneren Nordbahnhof, Stuttgart

Morgen ist der Internationale Holocaust-Gedenktag. Weltweit wird dann wieder – wie inzwischen jedes Jahr –vielerorts der Naziopfer gedacht und an die Verbrechen erinnert werden. Dass es diesen internationalen Gedenktag heute gibt, ist eine Errungenschaft! Es ist vor allem das Verdienst all jener, die sich seit der Befreiung vom Nazifaschismus weltweit mit viel Ausdauer und Kraft gegen das Vergessen, Verharmlosen und Verleugnen engagiert haben. Das war die ersten Jahrzehnte nicht einfach, sondern musste gegen die Mehrheitsgesellschaft durchgekämpft werden.

In Deutschland wurde der 27 Januar 1996 vom damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog zum Gedenktag an die NS-Verbrechen proklamiert. 2002 beschlossen die Bildungsminister des Europarates ihn als Tag des Gedenkens an den Holocaust und der Verhütung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzuführen und im Januar 2005 erklärte die UN-Vollversammlung den Tag zum Holocaust-Gedenktag. Der damalige israelische Außenminister begrüßte den Beschluss als „historische Entscheidung“. 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges war es wahrlich eine längst überfällige historische Entscheidung.

Warum fiel die Wahl dieses Gedenktags aufs den 27. Januar? Nicht deshalb, weil die Rote Armee Wehrmacht und SS zum Rückzug gezwungen und die Mehrzahl der KZ-Häftlinge befreit hat. Als die Rote Armee den Lagerkomplex Auschwitz erreicht hatte, traf sie noch auf 7.000 Menschen, von denen jedoch viele so geschwächt waren, dass sie nach wenigen Tagen an Entkräftung verstorben sind. Unter ihnen befanden sich 200 Kinder im Alter bis zu 15 Jahren, zumeist Zwillinge. Die SS hatte bereits im Herbst 1944 mit der Evakuierung und Auflösung des Lagerkomplexes begonnen. Bis Mitte Januar 1945 waren ungefähr 65.000 männliche und weibliche – noch arbeitsfähige – Häftlinge in andere Lager abtransportiert worden. Und noch wenige Tage vor dem 27. Januar wurden weitere zirka 56.000 Frauen und Männer in Todesmärschen Richtung Westen getrieben. Der Glaube an den Endsieg war damals noch nicht erloschen und die gemäß der Naziideologie zu Untermenschen erklärten Häftlinge für SS und Rüstungsindustrie noch von Nutzen. Diese qualvollen Fußmärsche erhielten die Bezeichnung „Todesmärsche“, weil – wer zusammenbrach – und das waren Viele, an Ort und Stelle erschossen wurde. Die Leichen ließ man am Wegesrand liegen.

Der Tag der Befreiung des Lagerkomplexes Auschwitz wurde zum internationalen Holocaust-Gedenktag, weil sich dort die schlimmsten Konzentrations- und Vernichtungslager befanden. In Auschwitz-Birkenau führte der berüchtigte SS-Arzt Mengele mit seinem Team medizinische Versuche an Häftlingen durch – zum Beispiel an Zwillingskindern. Dort hatte die SS eine Todesfabrik betrieben, in der große Häftlingsgruppen mit Gas möglichst rationell und schnell – also industriell – getötet werden konnten. Deutsche Ingenieursleistung!

Medizinische Versuche an Häftlingen, Gaskammern und Krematorien, gab es auch in anderen Konzentrations- und Vernichtungslagern. In Auschwitz waren es die größten. Weit über eine Million – die Mehrheit davon Jüdinnen und Juden jeglichen Alters – wurde in den dortigen Lagern ermordet. Deshalb wurde der Name Auschwitz zum Symbol der beabsichtigten Ausrottung des europäischen Judentums und er steht heute im globalen kollektiven Gedächtnis als Synonym für die Naziverbrechen in allen Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Wir haben diesen Ort für die Gedenkfeier gewählt, weil auch von hier Sammeltransporte nach Auschwitz, aber auch in andere Lager gingen. Es waren Transporte mit Frauen, Kindern und Männern jüdischer Abstammung und der Sinti und Roma aus Württemberg. Für die vielen anderen aus Württemberg in die Nazilager Deportierten – die politisch Verfolgten, die aufgrund ihrer Behinderungen Ermordeten, die Homosexuellen, die Zeugen Jehovas, die damals als „asozial“ Stigmatisierten, und die massenhaft aus den Gefängnissen zur Tötung in die Lager überstellten Sicherungsverwahrten gibt es in Stuttgart keinen vergleichbaren Erinnerungsort. Unser heutiges Gedenken gilt ihnen allen!

Menschen in Konzentrations- und Vernichtungslager zu verbringen, sie dort unter für uns unvorstellbaren Bedingungen gefangen zu halten, oder sofort zu töten, weil sie als unnütz eingestuft wurden, das war ein Verbrechen an allen. Es gab keine legitime, keine berechtigte KZ Haft, auch wenn das leider bis heute noch immer nicht für alle Häftlinge gilt.

Primo Levi, Überlebender des KZ Auschwitz-Monowitz, schrieb in seiner 1986 erschienenen Reflektion

„Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“.

Dieses Wissen treibt uns und trieb viele Überlebende dazu an über das Grauen, das sie durchlebt hatten, zu berichten. Die Öffentlichkeit sollte von den Verbrechen erfahren, die im KZ Alltag waren, um gewappnet zu sein und dass so etwas nie wieder geschieht. Inzwischen sind nur noch wenige Überlebende unter uns. Auch sie nutzen, obwohl hoch betagt, jede Gelegenheit, das Wort zu ergreifen und vor den heraufziehenden Gefahren zu warnen. Die aus Ungarn stammende Jüdin Eva Fahidi – sie hat als einzige aus ihrer Familie Auschwitz überlebt – sagte letzten Sonntag im Rahmen der Eröffnung einer neuen Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin sinngemäß: in gewissen Dingen haben die Überlebenden ein schärferes Gehör. Sie erkennen wo das beginnt, was später im Krematorium endet.

Aber auch ohne dieses scharfe Gehör, ist schon länger erkenn- und vernehmbar, dass das, was im Krematorium endet, längst wieder begonnen hat. Antisemitismus, Homophobie, Rassismus und Sexismus sind auf ihre widerliche Art und Weise in gewissen Kreisen alltäglich geworden. Verbal in den sozialen Netzwerken und im öffentlichen Raum. Viktor Klemperer, ein weiterer Zeitzeuge beschrieb dies einmal so: (Zitat) „Worte können sein wie winzige Arsendosen. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Die Giftwirkung, das sind die vom NSU getöteten Migranten, die vielen Angriffe auf Flüchtlinge und ihre Unterkünfte, der Mord an dem CDU Politiker Lübcke, der zum Glück gescheiterte Angriff auf die Synagoge in Halle mit zwei Toten, die Schüsse auf Parteibüros und die lebensbedrohlichen Einschüchterungen und Angriffe auf Aktive aus Politik, Kultur und Gesellschaft. Brutale Gewalt und die Verbreitung von Angst und Schrecken war ein beliebtes Mittel der alten Nazis, das die neuen fortführen. Wer nicht für sie ist, hat zu schweigen, oder muss sterben!

Die Giftwirkung sind aber auch die schleichenden, oftmals ungehörten Veränderungen in Gesellschaft und Staat. Sie sind vor allem eine Folge der als demokratisch bezeichneten, jedoch faschistischen AfD. Sie ist inzwischen in allen Landtagen vertreten. Sie sitzt in Ausschüssen, hat Einfluss auf Entscheidungen und Zugriff auf Informationen, die in ihren Händen gefährlich werden können, oder es vielleicht bereits sind. Sie entscheidet mit über die Verteilung von Geldern und in Sachsen bangen viele Basisorganisationen, sicherlich begründet, dass ihnen die Gelder für ihre wichtige Arbeit gekürzt oder gänzlich gestrichen werden. Die Parteimitglieder und Wählerinnen und Wähler der AfD arbeiten in diversen Behörden, Firmen, Universitäten, Schulen. Sie sind präsent und sie agieren. Die Aberkennung der Gemeinnützigkeit von ATTAC, CAMPACT, des Bundesverbandes VVN-BdA, des soziokulturellen Zentrums DEMOZ in Ludwigsburg sind vermutlich keine Zufälle, sondern ein gezieltes Vorgehen gegen zivilgesellschaftliches Engagement. Ebenso die sich häufenden Angriffe auf die Kulturszene.

Besonders müssen uns die rechten Netzwerke in Polizei und Militär beunruhigen. Dass es sie gibt, ist bekannt. Wie viele und wie stark sie sind, darüber schweigt man sich weitgehend aus und spielt die möglichen Gefahren herunter. Ein Geheimnis bleiben auch ihre Verbindungen zur Neonazi-Szene. Die Politik beschwichtigt. Vertrauen schafft das nicht!

Wie sollte man auch einer Politik trauen, die einst Herrn Maaßen zum Präsidenten des Verfassungsschutzes kürte – einen Rechtsaußen, dessen ideologische Nähe zu den Neofaschisten inzwischen kein Geheimnis mehr ist. Er hat diese Behörde sechs Jahre geleitet. Wie sollte man einer Politik trauen, der nach jeder Eskalation seitens der Neonazi-Szene nur einfällt, dem Geheimdienst noch mehr Geld und Personal zu geben. Einem Geheimdienst, der sich zu keiner Zeit mit einem entschlossenen Vorgehen gegen Neonazistrukturen hervorgetan hat, sondern eher mit fragwürdigen Verbindungen in diese Szene. Wie sollte man einer Politik trauen, die in immer kürzeren Abständen die Polizeigesetze verschärft und den damit einhergehenden Abbau weiterer demokratischer Rechte betreibt. Der Umbau zum Polizeistaat passt gut zum autoritären Staat, wie ihn die AfD anstrebt. Zur Erinnerung: Als die Nazis 1933 die politische Macht übernommen hatten, konnten sie sich – nach nur wenigen Entlassungen – auf einen funktionierenden Polizeiapparat stützen, der im Kampf gegen die politische Linke geübt war. Dieser bruchlose Übergang war damals die Voraussetzung für die schnelle Zerschlagung der politischen Opposition. Und das wiederum war ein bedeutender erster Schritt um möglichst schnell die Diktatur zu errichten.

Beunruhigen muss uns auch, dass es in manchen bürgerlichen Parteien Flügel gibt, die mit Bündnissen mit der AfD liebäugeln. In der sogenannten Sicherheitspolitik und in den Debatten über Flüchtlinge unterscheiden sich die Argumente nur wenig voneinander. Sollten zukünftige Regierungsbildungen noch schwerer werden, als sie es bereits sind, besteht die Gefahr einer weiteren Rechtsverschiebung in der Parteienlandschaft und damit zwangsläufig in der Gesellschaft. Um an der Macht bleiben zu können, sind manche Politikerinnen und Politiker zu vielem bereit!

Aber es gibt auch eine andere, eine ermutigende Wirklichkeit. In 75 Jahren bürgerlicher Demokratie konnte eine Zivilgesellschaft wachsen, die der rechten Welle Grenzen zu setzen vermag. Sie kann auf den Erfahrungen vieler Protestbewegungen und antikapitalistischer Kämpfe aufbauen: der Antikriegsbewegung, der Studentenbewegung, der Frauenbewegung, der Anti-Atom-, Umwelt- und Klimabewegung, der Hausbesetzungen und Mieterkämpfe, des Antifaschismus und Antirassismus, der Flüchtlingssolidarität … Das ist ein reicher Fundus, aus dem geschöpft werden kann im gemeinsamen Kampf gegen Neofaschismus und Nationalismus.

An allen Ecken und Enden drängen die Verhältnisse – drängt die Kapitalismus- und Klimakrise – zu einer Transformation. Es wird an uns allen liegen, dass sie nicht in einen nächsten Faschismus, sondern in eine Demokratie ohne Kapitalismus mündet.

Die Arbeiterinnenbewegung der 1920er Jahre war tief gespalten und hat sich gegenseitig und nicht gemeinsam die Nazis bekämpft. Das war ein Grund für die damalige Niederlage. Unser Motto muss sein: Im antifaschistischen Ziel und gegenseitigen Respekt geeint, denn wir werden einander brauchen!

Vielen Dank!

Rede von Zusammen Kämpfen Stuttgart

Liebe GenossInnen, liebe KollegInnen
liebe AntifaschistInnen,

morgen, am 27.01.2020, jährt sich zum 75. Mal der Tag, an dem das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz von der roten Armee befreit wurde. Auschwitz, eines der bekanntesten Vernichtungslager der deutschen Mordmaschinerie.

Europäische JüdInnen, oder die, die als solche durch die Nazis so definiert wurden, Sinti und Roma, Menschen deren Leben als unwürdig bezeichnet wurde, Kriegsgefangene, politische Gefangene, all diejenigen, die nicht der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ zugeordneten und in das rassistische Weltbild der Nazis passten, wurden im deutschen Lagersystem und in Auschwitz ermordet.

Ziel war die Ausrottung und Vernichtung dieser sogenannten Volksschädlinge. Dies sollte so effizient wie möglich erfolgen. Das im heutigen Polen in der Nähe von Krakow gelegene, ehemalige Vernichtungslager, steht heute wie kein anderes ehemaliges Konzentrationslager als Symbol für das größte Menschheitsverbrechen, dem Zivilisationsbruch der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dem Genozid an Millionen von Menschen.

Aber es ist falsch seinen Fokus nur auf Auschwitz, auf die Gaskammer, die einzelnen SS-Mörder und Mörderinnen zu legen, um dieses Verbrechen greifbarer zu machen. Vielmehr bedarf es einen Blick auf das System dahinter, dass aus dem Mord oder dem Morden eines bzw. einer oder mehrerer ein gesellschaftliches Verbrechen macht, an dem sich nicht nur einzelne schuldig machten, sondern die komplette deutsche Mehrheitsgesellschaft, deren Folgen bis heute unübersehbar in unserer Gesellschaft zu finden sind. Es gilt die Mechanismen hinter der tatsächlichen Tat zu beleuchten und das System als Ganzes zu begreifen. Es geht darum zu ergründen, wie es möglich war, dass eine Gesellschaft millionenfachen Mord akzeptierte oder sich daran auch aktiv beteiligte.

Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Filbinger gab mit seiner Aussage „Was damals Rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“ einen tiefen Einblick in die Denkweise der nationalsozialistischen deutschen Gesellschaft, die wir bis heute in Teilen vorfinden. Es wurde mir befohlen und der Staat als höchste Autorität setzte die Rahmenbedingungen für jegliches moralische und ethische Handeln. Nicht ein universeller Humanismus bestimmt die Handlung, sondern ein ideologischer Überbau, der vermeintliche Interessen bündelt, bestimmt über das Richtige und Falsche. So schaffte es der Nationalsozialismus durch das Konzept „Volksgemeinschaft“ vermeintlich, Klassenwidersprüche zu überwinden und ein in Deutschland bis dahin nicht gekanntes Maß an Gleichheit und sozialer Aufwärtsmobilisierung zu erreichen.

Dazu war der Angriff auf all diejenigen notwendig, die eben außerhalb der von den Nazis und dem Nazistaat definierten Volksgemeinschaft standen und ideologisch wie auch ökonomisch unausweichbare und logische Folgen. So ist Auschwitz und der Massenmord eben nicht das Werk einzelner, sondern das einer Gesellschaft, die ihre Existenz und Verfasstheit auf der Unterdrückung, Abwertung und der Vernichtung anderer aufbaut.

So ist das gesellschaftliche Verbrechen nicht in der Tat selbst zu suchen, sondern vielmehr in der Abkehr von den Grundlagen des sozialen Handelns in der Moderne. Welches auf handlungsanleitenden Vernunftannahmen gründet und diese negiert. Nicht mehr Kants kategorischer Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ dient als Grundlage der Ethik, sondern das irrationale Interesse einer konstruierten Volksgemeinschaft. Und genau das ist es, was es zu bekämpfen galt und gilt.

Es mag etwas abstrakt klingen, aber dennoch ist es eigentlich nicht schwer zu fassen. Denn es gilt sich bei all seinen Handlungen genau zu überlegen, was ich mache, warum ich es mache und welche Wirkung ich damit entfalte, unabhängig von Anweisung, Befehl, Bitte oder ähnlichem. Denn „Kein Mensch hat bei Kant das Recht zu gehorchen.“ so Hannah Arendt einmal in einem Interview. Es gilt sich die Frage zu stellen, ob wir wirklich vernunftbegabte Menschen sein wollen oder ob wir es lassen und wollen, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt, um es mal mit den Worten von Bert Brecht zu sagen.
Es geht darum zu reflektieren und die Frage nach dem Menschsein aufzuwerfen und darüber, wie wir zusammenleben wollen als Menschen. Es gilt die Verhältnisse, die Auschwitz machbar machten, zu bekämpfen und das bedeutet für uns nicht nur die Konfrontation mit Nazis, FaschistInnen, RechtspopulistInnen zu suchen, sondern vor allem mit uns, unserem Handeln und unserem Umfeld. Vielmehr ist es die Entwicklung kritischen Denkens, das Erlernen von Reflexion und die Auseinandersetzungen mit sich selbst, um das zu werden was wir tatsächlich sein wollen – nämlich ein Mensch.

Aus diesem Grund laden wir euch ein, im Anschluss an die Kundgebung, die auf dem Infotisch liegenden Nachdenkkarten mitzunehmen.

Nehmt euch etwas Zeit und lest sie selbst und macht euch eure Gedanken zu dem dort Geschriebenen, aber auch zu dem heute gehörten. Gebt diese Karten weiter oder hinterlasst sie dort, wo ihr der Meinung seid, dass sie gelesen und zur Reflexion anregen.

Gebt sie euren Freunden, Bekannten oder KollegInnen oder hinterlasst sie dort wo ihr der Meinung seid, dass es ein Zeichen der Erinnerung, der Mahnung, des Gedenkens braucht, um ins Gedächtnis zu rufen, dass der Kampf gegen Auschwitz nicht mit der Befreiung vorbei war, sondern ein stetiger ist und eine permanente Auseinandersetzung um das Menschsein und eine solidarische Gesellschaft ist.