Der revolutionäre 1. Mai 2019 in Stuttgart(-Ost)

1200 Menschen beteiligten sich an der diesjährigen Revolutionären 1. Mai Demonstration in Stuttgart, die in diesem Jahr unter dem Motto „Kapitalismus hat keine Zukunft – Protest. Widerstand. Revolution!“ stattfand.

In den Redebeiträgen wurde ein breites Themenspektrum angesprochen: Von der Notwendigkeit Mietkämpfe zu führen über antifaschistische und internationalistische Themen bis hin zu übergreifender Redebeiträge zur Entwicklung solidarischer Perspektiven und Organisierungsansätzen. Zudem wurde noch ein Grußwort aus Rojava abgespielt

Unsere Rede knüpfte an dem diesjährigen Stadtteilaufruf an, der unter dem Motto „Für ein solidarisches und antifaschistisches Stuttgart-Ost“ stand. Die Rede kann unten nachgelesen werden.

Auf der Demoroute wurden Bengalos und Rauch gezündet, das Haus der Wirtschaft wurde mit Farbbeuteln beworfen und es kam zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mehrere Personen wurden dabei verletzt und eine Person musste ins Krankenhaus gebracht werden.

Weitere Aktivitäten am 1. Mai

Nach der Demo ging es weiter zu den Festen: Einerseits in Stuttgart-Heslach, wo im Linken Zentrum Lilo Herrmann ein Straßenfest stattfand und andererseits in Stuttgart-Ost im Stadtteilzentrum Gasparitsch.

Im Gasparitsch gab es ein buntes Programm: Kinderschminken und Bastelangebote, ein vielfältiges Fingerfoodbuffet, Kaffee & Kuchen, Politprogramm im Keller, ein Quiz, leckeres warmes Essen und am Abend noch Live-Musik mit dem Dynamischen Duo aus Schwäbisch Gmünd.

Politprogramm am 1. Mai

Beim diesjährigen Politprogramm waren Vorträge zum „Widerstand auf Arbeit abseits von Tarifstreiks“ von der FAU und zum Frauenstreik vom Frauenkollektiv Stuttgart und der FAU zu hören. Der dritte Vortrag war zu den Protesten gegen den Essensstand türkischer Faschisten auf dem Stadtteilfest in Stuttgart-Ost.

Politischer Stadtteilspaziergang

Der letzte Programmpunkt war der traditionelle Stadtteilspaziergang durch Stuttgart Ost, der sich in diesem Jahr am Motto des Stadtteilaufrufs orientierte und anhand von 4 Stationen darlegte wo die herrschenden Verhältnisse konkret im Stuttgarter Osten zu finden sind und welche Auswirkungen diese haben. Dies wurde exemplarisch an den Themen Klima, Rechte Hetze, Gentrifizierung und Frauenkampf gemacht, zu denen an den jeweils passenden Orten Halt gemacht wurde.

An einer letzten Station wurden die Themen zusammengeführt und auf die Notwendigkeit der Organisierung hingewiesen. Denn nur gemeinsam mit unseren KollegInnen, den NachbarInnen, unseren FreundInnen und allen anderen, die unter den Verhältnissen zu leiden haben, können wir die Kraft entwickeln, gegen diese Systematik vorzugehen und für eine Gesellschaft zu streiten, die sich nicht am Profit von einigen Wenigen orientiert, sondern die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Zusammen Kämpfen [Stuttgart]
www.zk-stuttgart.tk


Stadtteilaufruf zum 1. Mai 2019

Wandzeitungen zum 1. Mai 2019

Weiterer Bericht zum Revolutionären 1. Mai in Stuttgart


Rede 1. Mai 2019

Liebe Passantinnen und Passanten,

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir sind heute hier, um am ersten Mai, dem internationalen Kampftag der ArbeiterInnenklasse, gemeinsam mit Hunderttausenden Menschen auf der ganzen Welt, unseren Protest gegen die herrschenden Verhältnisse, das kapitalistische System und unsere Perspektive einer klassenlosen Gesellschaft auf die Straße zu tragen!

Dieser Protest und die Perspektive einer anderen, besseren Gesellschaft ist dringlicher denn je. Denn die kapitalistischen Verhältnisse produzieren Armut, Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung – und das wortwörtlich am laufenden Band:

  • Sei es die erstarkende rechte Bewegung,
  • die damit einhergehende rassistische Hetze,
  • die Wohnungsnot,
  • die Explosion der Mietpreise,
  • seien es Kriege,
  • die Zerstörung der Umwelt,
  • die Zuspitzung der globalen politischen Situation
  • oder die verschärfte Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt.

Die aktuellen Verhältnisse produzieren all dies aus dem Zwang heraus Profite zu erwirtschaften und zu maximieren – und das auf dem Rücken des Großteils der Bevölkerung und zum Vorteil einiger Weniger.

Gerade in einer industrialisierten Stadt wie Stuttgart tritt dies deutlich zu Tage:

  • Daimler hat im vergangenen Jahr über 7 Mrd € Gewinn erwirtschaftet und entlässt zur Zeit seine befristeten Beschäftigten.
  • Bei Bosch wurde mit einem Gewinn von mehr als 5 Mrd € seitens des Managements ein harter Sparkurs ausgerufen. Inwieweit die 13.000 Beschäftigten, die in Stuttgart in der Produktion arbeiten, davon betroffen sind, ist aktuell noch nicht abzusehen.

Und das sind nur zwei Beispiele für einen allgemeinen Trend.

Für alle Betroffenen bedeutet das nichts anderes als den Wegfall ihrer Arbeit und eines regelmäßigen Einkommens mit dem sie ihr Leben bestreiten und finanzieren sollen.

Rechte Hetzer – deren Bandbreite weit über die AfD hinaus geht – greifen nicht nur im Wahlkampf diese soziale Frage auf und versuchen sich als die Vertreter des kleinen Mannes darzustellen. Sie greifen zu sozialdarwinistischen, rassistischen und zum Teil offenen faschistischen Antworten und versuchen aus dem tatsächlichen Systemfehler ein Problem zwischen Nationen und Kulturen zu machen.

Doch diese werden an den bestehenden Verhältnissen nichts ändern – ganz im Gegenteil.

Denn der Widerspruch verläuft zwischen denen, die den gesellschaftlichen Reichtum produzieren und denen, die ihn sich aneignen – also zwischen oben und unten.

Denn Fakt ist, dass der Kapitalismus die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet und dass innerhalb des Kapitalismus der Profit immer über dem Menschen steht. Das Recht des ökonomisch Stärkeren regiert.

So weit – so schlecht.

Für uns stellt sich also die Frage wie wir diese allgegenwärtigen Verhältnisse vom Kopf wieder auf die Füße stellen können.

Denn unser Ziel ist eine solidarische Gesellschaft, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellt und der vorherrschenden Konkurrenz und Vereinzelung unsere Solidarität entgegenstellt.

Unser Ziel ist es einen Umgang miteinander zu etablieren, der sich aus dem Unterdrückungsverhältnis herauslöst und Alternativen zu diesem erarbeitet – mit dem Ziel eines besseren Lebens – ohne Ausbeutung und Unterdrückung.

Alleine werden wir das nicht erreichen können. Wir müssen die Spaltung und die forcierte Vereinzelung überwinden und solidarisch zusammenstehen. Denn nur gemeinsam mit unseren KollegInnen, den Nachbarinnen, unseren FreundInnen und allen anderen, die unter den Verhältnissen zu leiden haben, können wir die Kraft entwickeln, gegen diese Systematik vorzugehen und für eine Gesellschaft zu streiten, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert und nicht am Profit von einigen Wenigen.

Für uns muss es daher heißen, uns den Verhältnissen auf allen Ebenen in den Weg zu stellen und uns dort zu organisieren, wo wir leben und arbeiten.

  • Sei es in basisgewerkschaftlichen Ansätzen gegen Arbeitsplatzabbau oder im Kampf für höhere Löhne,
  • sei es in Frauenorganisierungen gegen die herrschenden patriarchalen Verhältnisse,
  • sei es in antifaschistischen Gruppen gegen rechte Hetze,
  • sei es in Wohn- und Mieterinitiativen für bezahlbaren Wohnraum oder
  • sei es in unabhängigen Stadtteilzentren, um Solidarität und Kollektivität sicht- und erlebbar zu machen.

Das Ziel all dieser Kämpfe ist es durch eine kontinuierliche Präsenz und Praxis eine tatsächliche Alternative zu den herrschenden Verhältnissen aufzubauen und praktisch werden zu lassen:

  • Eine Alternative, die der Konkurrenz und Spaltung unsere Solidarität entgegenstellt.
  • Eine Alternative, die statt Ausbeutung und Unterdrückung für den Profit die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt setzt.
  • Eine Alternative, die statt rechter Hetze und Rassismus ein solidarisches Miteinander erkämpft.
  • Kurz: Eine Alternative, die für eine befreite Gesellschaft steht.

Halten wir es also wie Clara Zetkin: Kämpfen wir dort wo das Leben ist – Um letztlich die herrschenden Verhältnisse dort hinzuverfrachten wo sie hingehören: Auf den Müllhaufen der Geschichte.